Mit 15 Leuten gemeinsam ein Abschlussmagazin zu entwickeln ist ziemlich knifflig. Ein Magazin über Macht für Frauen und Männer zu machen, ist allerdings ungefähr so schwer wie mit Aldi-Gründer Karl Albrecht einen Kaffee zu trinken. Wir haben beides trotzdem versucht, nun ist das Heft fertig und online für jeden durchzublättern.  Hier gibt es Einblicke in die BOSS-Redaktion. 

Seit Jahren wird der Abgesang auf Printprodukte fortkomponiert. Spätestens seit dem Ende der Financial Times Deutschland und der Frankfurter Rundschau werden diese Stücke immer länger und näher an unserer Wirklichkeit. Trotzdem ist die Printausbildung weiterhin Kernstück unserer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule, das Abschlussmagazin “Klartext” das Aushängeschild jedes Jahrganges. Unser Abschlussheft BOSS ist seit letzter Woche gedruckt, heute geht es online. Anders als echte Magazine müssen wir uns dabei allerdings nicht am harten Magazinmarkt messen lassen – das Heft ist kostenlos und wird allen Interessierten kostenlos online zur Verfügung gestellt. Eine Riesenchance also, um das als Print zu produzieren, was uns wirklich interessierte. Unique Content, anstatt inflationäre Inhalte in der Dauerschleife. Wie das funktioniert hat: Nachlesen!

Phase 1: Die Themenfindung

Bei uns gibt es die schöne Tradition, dass jeder Jahrgang sein eigenes Abschlussmagazin macht. Neben ziemlich viel Spaß bedeutet das aber auch ordentlich Druck – immerhin haben schon 27 Klassen vor uns erfolgreich so ein Projekt gestemmt. Dementsprechend begannen wir schon zum DJS-Start im Oktober 2011 vorsichtig mit der Themenfindung. Dabei begann die eigentliche Heftproduktion erst im Juni 2012.

Dabei war ziemlich schnell klar, was wir NICHT sein wollten: NICHT irrelevant und vor allem NICHT wie alle anderen Hefte vor uns. Dafür dann allerdings mit 15 Leuten ein geeignetes Thema zu finden, erwies sich als Herausforderung: Jeder hatte eine eigene Vorstellung von diesem Heft, die Themen gingen von „Sex“ über „Verschwinden und Erscheinen“ bis „Europa“. Am Ende entwickelte eine kleine Gruppe die Idee zu BOSS; aus dem Gedanken heraus, dass die Welt „da oben“ alle interessiert. Es ist wie „Bunte“ lesen – man muss sich nicht einmal mit dem Gezeigten identifizieren, um es trotzdem spannend zu finden. Bei der Verteilung der Redaktionsposten zeigten wir uns übrigens ganz Boss-untypisch – sie wurden demokratisch gewählt.

Phase 2: Die Geschichten im Heft

Ein Heft mit dem Titel BOSS hat ein ganz großes Problem: Es klingt absolut männlich. Und nach Heften wie „Business Punk“ („Work hard – play hard“) oder dem Manager Magazin („Wirtschaft aus erster Hand“). Wir wollten allerdings kein Heft machen, das den Begriff „Karriere“ noch irgendwo in die Titelzeile quetscht. Sondern ein Heft für Männer und Frauen, über die wahren Machthaber in unserm Land. Dabei mussten wir uns im Laufe des Produktionsprozesses ziemlich schnell davon verabschieden, die Machtverteilungen in Deutschland realistisch abzubilden. Denn dann hätten wir fast ausschließlich betagte Männer mit viel Geld abdrucken müssen. Frauen und der ambitionierte Nachwuchs sind in der Chefetage nur schwer zu finden.
Stattdessen ist unser BOSS ein Quotenheft geworden. In ihm betet eine Imamim neben einem Bentley, ein 14-Jähriger rettet neben der schwarzen American Express die Welt. Ein Heft über Macht und Mächtige. Immer wieder sprachen wir über unsere Ideen. Manches mussten wir verwerfen, weil die Geschichte nicht umsetzbar war. Zum Beispiel hätten wir gerne einen Dax-Chef 24 Stunden lang begleitet, um einen Einblick in seinen Alltag bekommen. Wollte nur leider keiner mitmachen. Andersrum sind einige Geschichten, die in BOSS zu lesen sind, erst in den letzten drei Wochen unserer Printausbildung, also in der „heißen Phase“ entstanden. Ein Beispiel auch hier: Wir hatten uns schon ewig mit Frauenquoten-Diskussionen aufgehalten, keiner konnte das Thema mehr hören, als Lisa auf den Women’s Business Park stieß. Jetzt ist es ein langer Artikel geworden – mit dem vielleicht aufwändigsten Foto des Heftes. Dafür wälzten sich sechs DJS-lerinnen in Kreide auf dem Fußboden der Süddeutschen Zeitung – verwunderte Blicke der hier arbeitenden Redakteure inklusive.

Am Ende entstand eine Geschichtenmischung, mit der wir 15 gut leben können – auch wenn wir uns manchmal gerade von den Wirtschaftsentscheidern mehr Interesse für unser Projekt gewünscht hätten. Ehemalige und noch aktive Politiker wie Ole von Beust oder Petra Pau spielten hingegen problemlos mit. Vielleicht interessierten sie sich mehr für uns Journalistenschüler “da unten”. Vielleicht war es aber auch machtpolitisches Kalkül?

Was dafür sehr gut aufging, war unser Plan möglichst Einblick in viele Teile von Deutschland zu bekommen. Natürlich ist die Verführung groß, viele Geschichten im direkten Schulumfeld zu machen. Wir aber wollten einen Einblick in die Machtstrukturen des ganzen Landes erhalten. Also sind wir Redakteure ausgerissen: Nach Leipzig und Berlin, nach Hamburg und Essen, nach Bonn und Kassel. Nach Köln und ins bayerische Umfeld. Das Wort „München“ taucht hingegen nur einmal im ganzen Heft auf: im Impressum.

Phase 3: Redigieren und layouten

Zwei Wochen vor Abgabeschluss mussten alle unsere Texte stehen. Auch wenn wir bereits den DJS-Crashkurs zum Thema „Schreiben für Print“ hinter uns hatten, gab es noch viel zu tun. Unser Textchef Philipp, aber auch die anderen Klassenkameraden hatten in den letzten zwei Wochen einiges zu tun. Manchmal war uns die These nicht knackig genug, manchmal hatten wir vielleicht auch zu viele Hemmungen, die Protagonisten kritischer zu hinterfragen. Alle Texte, die jetzt im Heft sind, wurden von mindestens vier anderen gegengelesen, einige auch deutlich öfter.

Zeitgleich haben sich Julius, Tim und Verena an unserem Layout-Programm InDesign ausgetobt. Wir hatten zwar Unterstützung durch einen erfahrenen Layouter, dennoch war die Optik unsere eigene Entscheidung. Und diese Entscheidung fiel oftmals noch schwerer, als Entscheidungen über Texte zu treffen. Das beginnt bei der Schrift und endet bei der Frage, wie Autoren gekennzeichnet werden sollen. Wäre es nach einem unserer Layouter gegangen, wäre BOSS eine optische Mischung aus GQ und Manager Magazin geworden: Dunkel mit großen Lettern auf Hochglanzpapier. Unser BOSS  ist anders. Ein Heft mit pinker Titelzeile und filigraner Schrift. Das einzige, was darin groß ist, sind die Teaser.

Phase 4: Aus vielen Geschichten ein Heft machen

Etwa eine Woche vor Redaktionsschluss druckten wir alle Seiten aus, soweit sie fertig waren, und versuchten uns an der Heftstruktur. Fotoseiten sollten nicht hintereinander kommen, lange und kurze Texte sich abwechseln. Recht spät haben wir uns für die „Rauf–oben–runter-Struktur“ entschieden. Aber als wir sie das erste Mal ausprobierten, passte einfach alles zueinander. Schließlich sind das doch die prägenden Fragen in der Karriere: Wie kommt Mann/Frau rauf? Wie ist es oben? Was passiert, wenn es wieder runter geht? Zu jedem dieser drei Teile haben wir nun Geschichten. Und finden entgegen allem Unken, dass die Geschichten über menschliche Abstürze die spannendsten seien, dass alle drei Teile gleich gut gelungen sind.

Phase 5: Das quälende Warten

Am 27. Juli 2012 war es soweit: Das Heft war fertig und wurde der Schulleitung präsentiert. Doch was danach folgte, war eine Tortur. Denn anstatt kurz darauf unser Ergebnis in der Hand zu halten, mussten wir für drei Monate ins Praktikum. In der Zwischenzeit kamen die Zweifel: Werden wir das Heft noch mögen, wenn es im Dezember gedruckt wird? Hinzu kam das stetige Gefühl, dass mittlerweile auch andere Redaktionen auf unsere guten Geschichten kommen: Ole von Beust äußerte sich in der Zeit über seinen Rücktritt, ein anderes Heft druckte ebenfalls Blicke aus den Fenstern der Bosse. Dafür wurde anderes umso aktueller: Der Aldi Erbe Berthold-Albrecht verstarb, die Imamin Halima Krausen wurde im Rahmen der Protestaktionen um den Mohammed-Schmähfilm interviewt. Am Ende blieb das Gefühl, dass wir anscheinend zumindest in Bezug auf die Aktualität mit BOSS ein gutes Thema gewählt hatten.

Das Ergebnis

Letze Woche ist BOSS nun erschienen. 3000 Mal wurde es gedruckt, 2/3 davon sind bereits in die wilde weite Journalismus-Welt verschickt worden. Kaufen kann man es nicht, dafür aber online lesen.

Hätten wir auf das gehört, was andere von unserem Heft erwarteten, wäre es ein Heft über Rolexmacker mit dicken Karren und Geldspangen geworden. Vielleicht noch ein kleiner Artikel über die Gefahren des Burn-out, abgerundet mit Tipps für schnellen Sex im Büro. Das wäre das Magazin, das man wohl unter dem Namen BOSS erwartet.

Unser BOSS ist anders. Ein Heft, das schon auf dem Cover verrät, dass es überhaupt keinen Bock auf Manager-Lobeshymnen hat. Sondern auf Menschen, die unsere Gesellschaft nicht nur im kapitalistischen Sinne voranbringen. Und auf diesen BOSS sind wir ziemlich stolz.

Hier gibt es den kompletten BOSS online zu lesen.

Hier gibt es BOSS im Donwload.

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