In unserer Klasse machen wir gerade Zeitung. Zwei Seiten, dreimal insgesamt. Um 16 Uhr musste die Seite 1  völlig umgeworfen werden – die Kanzlerin war in Feuerlaune. Da nicht auch noch Zeit für einen Kommentar war, folgt der eben hier.

Heute ist ein besonderer Tag. Die Deutschen kriegen eine Angela Merkel zu Gesicht, die sich noch nie so ehrlich präsentierte. Merkel tritt vor die Kameras, spricht emotionslos und hält sich kurz. Das kennt man. Aber dann sagt sie: „Ich habe heute den Bundespräsidenten gebeten, Norbert Röttgen vom Amt des Bundesministers zu entbinden“. Bums. Das sitzt. Dieser Satz sagt viel aus über die Kanzlerin. Dass Angela Merkel eine eiskalte Machtpolitikerin ist, war bekannt. Dass sie aber brutal vernichtend ist, wurde heute erstmals offensichtlich.

Es gibt ein Prozedere, wenn unliebsame Minister aus ihrem Amt gedrängt werden sollen. Normalerweise treten sie auf Bitten des Kanzlers zurück. Röttgen wollte das offenbar nicht, da zog Merkel die Reißleine. Erstmals in ihrer inzwischen sieben Jahre andauernden Kanzlerschaft, hat sie einen Minister entlassen. Fristlos. Gefeuert trifft es eigentlich besser. Und das: Nach außen hin ohne Not. Gerade Merkel, die stets so darauf bedacht ist, landespolitische Entwicklungen aus ihrem Kabinettssaal herauszuhalten. Der geschasste Minister galt einst als Kronprinz der Königin Merkel. „Musterschüler“, „Muttis Bester“. Röttgen hat im Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen sicherlich Fehler gemacht. Andererseits hat er die Schuld der CDU-Katastrophe von Düsseldorf sofort eingestanden, den Landesvorsitz zurückgegeben und flog wieder nach Berlin. Das scheint Merkel nicht gereicht zu haben. Es sind drei Gründe, die sie letztlich zu der Entscheidung führten.

  • Erstens: Indem Merkel ihren Umweltminister entlässt, schiebt sie deutlich sichtbar alle Schuld am NRW-Debakel auf Röttgen. Die 26 Prozent sind in toto seine. An ihr bleibt da nichts kleben. Die Kanzlerin schwebt über den Ländern.
  • Zweitens: Merkel ist ein Fan des Durchregierens – zumindest im Kabinett. Von zähen Diskussionen und Widerspruch hält sie nicht viel. Peter Altmaier ist ein enger Vertrauter von Merkel. Er wird jetzt Umweltminister. Dass dieser bisher nicht als Experte für Atompolitik und Klimaschutz in Erscheinung getreten ist, scheint zweitrangig. Altmaier wird sich wie ein Windrad drehen, das sich zur Kanzlerin neigt. Ironie der Geschichte: Auch im Amt des Parlamentarischen Geschäftsführers der Unionsfraktion löste Altmaier Röttgen 2009 ab.
  • Drittens: Mit Blick auf die Bundestagswahl 2013 und die Anstrengungen in der Energiewende wird sie sich gedacht haben: Lieber ein unverbrauchtes Gesicht als Angriffsfläche im Wahlkampf. Röttgen hat ausgedient, sich abgenutzt. Und Merkel hat ihn abgeschaltet.

Angela Merkel ist kalkulierend. In allen ihren Handlungen. Schnellschüsse gibt es von ihr nicht. Meist aber ist es nicht leicht, die Gedankengänge der Kanzlerin zu durchschauen. Heute war das anders. Es ist beeindruckend und erschreckend zu sehen, wie Merkel kurzerhand politische Karrieren zerstört – und das in ihrer eigenen Partei.