Tränen, Leid und Quieken: Die Deutsche Journalistenschule ist umgezogen. Unserem Phrasenschwein hat es das rosa Herz gebrochen. Lisa beschreibt, wie es ihr und unserem kleinen Freund am letzten Tag im Altheimer Eck erging. Eine Emotage (Reportage + Emotion = Emotage).

Martin gibt unserem Phrasenschwein 20 Cent zu fressen. Für “Ich stelle das in den Raum” muss er das Tier füttern. Es ist das letzte Mal, dass unser Schweinchen im Altheimer Eck 3 in der Münchner Innenstadt ewas zu knabbern bekommt. Die Mundwinkel von uns Umstehenden hängen unten. Nicht so weit unten, wie bei der Bundeskanzlerin, aber weiter unten als an einem gewöhnlichen Tag. Denn es ist der letzte Tag in diesem Gebäude. Wir ziehen um. Zur Süddeutschen Zeitung, an den Stadtrand. Schüler und Dozenten schlurfen durch das Haus. „Hachs“ und „Mmhs“ und „Oh Manns“ summen durch die Räume.

Eine Frau mit kurzen braunen Haaren läuft durch die Gänge. Sie beklebt Tische und Stühle mit roten Zetteln, die den Paketschleppern anzeigen, was sie mitnehmen sollen. Papp, papp, papp. Es ist, als hätten wir eine Gerichtsvollzieherin im Haus.

Keinen Aufkleber bekommt unser rosa Phrasenschwein. Zu sensibel für den Umzugswagen. Ich habe die ehrenvolle Aufgabe, es übers Umzugswochenende zu hüten. Es guckt mich vorwurfsvoll an mit seinen von pinken Feder-Augenbrauen umrandeten Kulleraugen. Ja, ich weiß, Schwein. Ich will hier auch nicht weg.

Als wäre Goethe Phrasenschwein gewesen

Juliane geht die Kellertreppe herunter. Ich folge ihr. Unterricht hatten wir unten nicht. Verabschieden will sie sich trotzdem. „Ist traurig“, sagt sie. Im Keller reckt sich die Gerichtsvollzieherin vergebens. Die Uhr hängt zu weit oben oder ihre Arme sind zu kurz. „Haben sie ne Idee, wie man da rankommt?“, fragt sie Juliane. Juliane hat keine Idee. Sie läuft zum Kicker, der vor den Computern steht. Er fällt fast auseinander, auf dem Holz haben sich die Sieger der letzten Kicker Turniere mit Edding verewigt. Der Kicker kommt nicht mit, er wird versteigert. Byebye. Obwohl ich kein einziges Mal mit dem Kicker gespielt habe, fehlt er mir plötzlich. Ich halte den Schmerz nicht aus und trabe zurück ins Klassenzimmer.

Schwein guckt zu wie wir die Plakate von den Wänden unseres Klassenzimmers abreißen. Top Models, Supertalent-Stars und die ersten eigenen veröffentlichten Artikel, alles hängen wir ab. Mir kommt eine Passage aus den „Leiden des jungen Werthers“ in den Kopf: „Und mein Herz sich unbändig krampft.“ Als wäre Goethe DJS-Phrasenschwein gewesen. Genauso fühlt sich Schweinchen jetzt. Es ist hier geboren und aufgewachsen. Es ging ihm gut hier. Und jetzt das.

Die Gerichtsvollzieherin kommt in die Klasse und will unsere Uhr bekleben. Schon wieder sind die Arme zu kurz. „Könnte mal jemand…?“ Obwohl sich alles in ihr dagegen sträubt, leiht Charlotte der Dame ihre Arme. Auf dem Gang packen Susanne und Alex unser Geschirr in Umzugskartons.

Tierliebe Lehrer

Der Moment ist gekommen. Das Schwein muss weg. Ich komme mir vor wie eine Schlachterin als ich es in braunes Umzugspapier einwickle. Daniel filmt uns. Doch wohin jetzt mit dem Schwein? Die Kartons sind voll, eine Tüte habe ich nicht. Ich gehe schweinelos ins Erdgeschoss zu unserem stellvertretenden Schulleiter Sven Szalewa. Er steht in der Abstellkammer, umgeben von Papierstapeln und Umzugskisten. Seine Mundwinkel lassen sich entgegen ihrer sonstigen Gewohnheiten hängen. Auch hat er plötzlich Falten auf der Stirn. „Herr Szalewa, ich hab keine Tüte für unser Phrasenschwein.“ Szalewa ist tierlieb und sucht nach einer Plastiktüte. Dabei versucht er angestrengt, seine Mundwinkel nach oben zu schieben. Gibt den Kampf dann aber auf. Schließlich überreicht er mir eine ausgebeulte Saturntasche.

Ich gehe noch einmal zu Bäcker Wolfi, das ist der Stammversorger aller DJS-Schüler. Riesenschlange. Ich möchte zur Trauerfeier des Tages bayerisch sprechen und bestelle ein „Fleischpflanzerl-Brötchen“. Der Bäcker erklärt mir, dass es „Semmel“ heißt.

Auf dem Rückweg zum DJS-Gebäude komme ich an der Kosmetikschule vorbei. Ein Mitschüler hat mir erzählt, dass er sich am ersten DJS-Tag darüber gefreut hat, wie viele hübsche junge Frauen zur Journalistenschule gehen. Bis er bemerkte, dass die Damen im Innenhof zum Kosmetikstudio gehörten.

Schweinchen im Müllsack

Ich will zurück zum Schwein. Im Treppenhaus, ein Schock: Die Bilder, die vor wenigen Minuten noch den Hausflur verschönerten, sind weg. Ich präge mir die Flecke an den Wänden ein. Die Rillen in der Treppe. Die Fingerabdrücke an den Fenstern.

Zurück in der Klasse lasse ich Schweinchen in die Tüte gleiten. Ich bilde mir ein, ein dezentes schluchzendes Quieken zu hören. Nicht alle sind seelisch so mitgenommen wie Schweinchen und ich. Tim freut sich sogar auf das neue Zuhause im SZ-Gebäude. Mit Schweinchen in der Tütenhand blicke ich nochmal aus dem Fenster. Draußen sind viele Baustellen, die Luft ist neblig vor Dreck. Ich werde den Blick vermissen.

Die hellbraunen Gardinen hängen einsam von den Wänden. Ich gehe nach draußen. Da lungern 25 Journalistenschüler und unser Schulleiter Jörg Sadrozinski vor der Tür des rosa Altbaus herum. Sie tun so, als würden sie sich miteinander unterhalten. In Wahrheit nehmen sie gerade Abschied. Viele blinzeln auffällig oft. Ich versuche die Emotionen mit meinem Handy festzuhalten, doch wüste Beschimpfungen von Seiten meines Mitschülers Dima hindern mich daran. Verstehe, zu intim.

„Pack’ ma’s.“

Manchmal ist es schwieriger, sich von Gebäuden zu verabschieden als von Menschen. Denn Menschen – zumindest lebende – kann man nochmal wiedersehen. Unser Gebäude wird wahrscheinlich abgerissen. Dieser Ort hat eine Geschichte und das spüren wir in jedem Winkel. Ja, er ist alt, ein bisschen schäbig und nicht gerade repräsentativ. Selbstbewusst bescheiden stehen das rosa Haus und der Flachbau da. Noch. So viele Schüler gingen ein und aus, lange bevor Schweinchen und ich hier rumquietschten.

Schließlich sage ich „Pack’ ma’s.“ zu Schwein. Wir gehen. Ich schaue mich nicht mehr um.

Eine halbe Woche später: Schwein und ich stehen im SZ-Gebäude. Ein gigantischer Glas-Palast mit intelligenten Aufzügen. Die Zeitungskollegen schauen uns irritiert an. Mal sehen, wie tierlieb die hier sind.

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