Dass der Journalismus sich in der Krise befindet, gehört ja mittlerweile fast zur Allgemeinbildung. In dieser wöchentlichen Kolumne soll jeweils kurz auf Beiträge verlinkt werden, die sich damit auseinandersetzen, wie man die Krise als Chance begreifen will – oder aber, wie andere das für einen erledigen. Gerne könnt ihr uns auch auf spannende Versuche hinweisen (wie das z.B. Rico Grimm getan hat, danke dafür). Ein Großteil der Artikel wird auch über unseren Twitter-Account verlinkt unter dem Hashtag: #zukunftsmusik

1.) Paul Bradshaw probiert ein neues Konzept aus. Sein Argument ist, dass viele Neueinsteiger-JournalistInnen  zu sehr unter dem Druck stehen, Geschichten zu liefern. Das Resultat sind oberflächliche Geschichten in Themenbereichen, über die man nichts Genaueres weiß. Um das zu ändern, stellt er seinen StudentInnen an der Birmingham City University folgende Aufgabe:

Students are allocated one of 5 roles within a group, investigating a particular public interest question. They investigate that for 6 weeks, at which point they are rotated to a different role and a new investigation (I’m weighing up whether to have some sort of job interview at that point).

The group format allows – I hope – for something interesting to happen: students are not under pressure to deliver ‘stories’, but instead blog about their investigation, as explained below. They are still learning newsgathering techniques, and production techniques, but the team structure makes these explicitly different to those that they would learn elsewhere.

 

2.) Salon.com hat einen, Charlie-Sheen-Winning-Moment. Dieser lässt sich in einem Satz zusammenfassen: “33 percent fewer posts; 40 percent greater traffic.”

3.) Kann man eigentlich vorhersagen, wie sich eine Geschichte über Social Media verbreiten wird? Bernardo Huberman sagt, dass es möglich ist. Anhand von vier Kriterien (die Quelle, die den Artikel veröffentlicht, die Art der Nachricht, die Subjektivität, und die Leute (oder Produkte) über die gesprochen wird. Ergebnis: 84%-ige Wahrscheinlichkeit, dass man die “Viralität” vorhersagen kann.

4.) Dass Medienhäuser Probleme haben mit Twitter zeigt sich nicht länger darin, dass sie den Service nicht ernst nehmen (das tun sie), sondern wie sie damit umgehen. Sky News hat zum Beispiel Anfang der Woche die JournalistInnen dazu angehalten, weder Storys von anderen Organisationen zu verlinken (auf Twitter), noch eigene Geschichten zuerst auf Twitter zu posten. Passenderweise wurde diese Info natürlich zuerst auf Twitter gepostet:

Auch der BBC gab die Anweisung, sich lieber zuerst mit dem Newsdesk zu verständigen, bevor man eine Geschichte postet. Ich verweise gerne noch mal auf die Einstellung von Buzzfeed-Ben. Ben Smith hatte ebenfalls das Problem, dass Twitter sein Kerngeschäft (politischen Journalismus) gefährdete, aber er suchte sich eine andere Lösung: Neue Formen von Artikeln.

5.) Das National Public Radio hat über vier Monate hinweg mit Facebook experimentiert. Sie haben Lokal-Artikel gepostet. Das heißt, ich als Mensch aus München habe die Artikel nicht sehen können, aber jemand, der in Seattle (und nur dort) lebt, konnte die Status-Updates sehen. Was das alles für Folgen hatte, kann man hier nachlesen.

6.) Yahoo zeigt die Nachrichten personalisiert an. Aber wie genau das passiert, kann man in dieser schönen Visualisierung sehen.

7.) Nicht direkt Zukunftsmusik, aber eine Diskussion, die immer wieder geführt wird im Hinblick darauf, wie Online-Journalismus jemals Geld eintreiben soll. Richard Tofel hat einen 16-seitigen Essay mit dem Titel “Why American Newspapers Gave Away the Future” veröffentlicht. Tofel ist Geschäftsführer (so würde ich zumindest “general manager” übersetzen) von Pro Publica, einer Non-Profit-Organisation, die sich auf investigativen Journalismus spezialisiert hat und für ihre Arbeit 2010 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde (als erste Online-Portal überhaupt). Teile der Argumente von Tofel konnte man bereits vor Erscheinen bei Jim Romenesko nachlesen: Man hätte einfach nicht anfangen sollen, die Inhalte kostenlos ins Netz zu stellen. Ausgehend davon hat sich eine recht intensiv geführte Debatte entwickelt: Lesenswert ist meiner Meinung nach vor allem die Replik von Kirk Caraway. Moneyquote:

My immediate reaction to this new innovation was seeing how some day the web could drastically cut printing and distribution costs. Since those costs typically accounted for half of all expenses, it seemed a godsend for small papers struggling to survive, especially those with far-flung subscribers. [...] Looking at this innovation from that perspective, we didn’t see the need to charge for news. After all, we were looking at cutting our distribution costs, which subscriptions and newsstand revenue was typically slated to offset. If we get rid of that expense, why charge for access?

Passend dazu: “The Daily”, die iPad-App, die Rupert Murdoch zufolge alles verändern sollte, hat zu kämpfen. (hier auch ein Link zum Tumblr-Account von “The Daily”)

8.) In Norwegen ziehen pro Jahr 300 000 Menschen um. Die Daten sind öffentlich einsehbar und Evan Westvang hat daraus eine schöne Visualisierung gebastelt.

9.) Kleines Schmankerl zum Schluss: Eine 47-Minuten-Doku aus dem Newsroom des “Miami Herald”. An dem Tag, als Bill Clinton wiedergewählt wurde, am 5. November 1996.

Election Day Nov. 5, 1996 at The Miami Herald from Robertson Adams on Vimeo.

 

Kommentare

Kommentare