WITTERUNGSBEDINGT KANN ES AUF ALLEN LINIEN ZU VERSPÄTUNGEN KOMMEN. In gelb gepunkteten digitalen Lettern schleicht die Schrift über den schwarzen Hintergrund der Anzeigetafel. Eiszapfen wachsen vom Haltestellendach. Darunter klopfen dick eingemummte Menschen ungeduldig die Fäustlinge aneinander. Ihr kondensierter Atem steigt stoßweise zwischen Wollschals und hochgeschlagenen Mantelkrägen auf. Die Luft ist schneidend kalt an diesem Freitagmorgen in Karlsruhe.

 Mit einem hydraulischen Seufzen öffnen sich die Türen der Linie S2. Die Ungeduldigen drängeln sich in die Straßenbahn und besetzen eilig die noch freien Plätze. Niemand hat Augen für die winterliche Stadt. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Die junge Frau, deren Gesicht unter einer großen Pelzmütze verschwindet, dreht ihren MP3-Player auf. Der Junge im blauen Anorak nestelt umständlich, da behandschuht, ein winziges Mobiltelefon hervor und drückt gelangweilt auf die Tasten.

 „Fahrkartenkontrolle, die Fahrausweise bitte!“. Plötzlich richten sich alle auf, verstohlene Blicke huschen zu den Kontrolleuren; Handtaschenwühlen, verlegenes Räuspern und trockenes Husten ertönen.

 Karl-Walter „Kalle“ Oswald und Marijo Kapular stehen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Die nachtblaue Jacke mit dem unauffälligen Logo des Karlsruher Verkehrsverbundes (KVV) spannt sich über Kalles Bauch. Seine kurzen Beine stecken in einer Hose aus dem gleichen festen Stoff. Am Hüftgurt trägt er, gleich einem Colt, das mobile Datenerfassungsgerät (mDE). Mit dem elektronischen Multitalent liest Kalle Monatskarten ein, protokolliert Fahrten und speichert Schwarzfahreridentitäten. Jede Bewegung sitzt. Der weißhaarige Fahrkartenprüfer kann auf 32 Jahre Berufserfahrung im öffentlichen Verkehr zurückblicken. Selbst das Schlingern der Waggons macht ihm nichts aus: „Solche Busbeine“ – das Pendant zu den Seebeinen der Matrosen – „muss man sich erst erarbeiten!“. Sein junger Kollege Marijo klammert sich noch an den Lehnen fest, während sein Blick stetig die Fahrgäste abtastet. Er ist einer von 25 Fachkräften im Fahrdienst, die im September 2010 ihre Ausbildung in Baden-Württemberg begonnen haben. In den nächsten drei Jahren wird er in allen Abteilungen des KVV arbeiten. Dass gerade der Fahrausweisprüfdienst bei den Kunden sehr unbeliebt ist, wissen beide. “Keiner denkt daran, dass unsere Anwesenheit auch Vandalismus vorbeugt und die Sicherheit erhöht. Es gibt sehr wenig Lob. Aber jeder Tag ist anders, und wir haben viel mit Menschen zu tun“, verteidigt Kalle seinen Job. „Der Beruf macht Spaß, aber natürlich ist man anfangs aufgeregt“, gibt Marijo zu. Natürlich: Immerhin sind dreiste Schwarzfahrer und Randalierer keine Seltenheit. Weitaus häufiger sind jedoch nörgelnde Fahrgäste.

Wie die ältere Dame im braunen Pelzmantel, die mit sauber manikürten Fingernägeln nur widerwillig ihre Monatskarte überreicht. Über 50 Euro zahle sie für die Karte und dann hielte es die Bahn noch nicht einmal für nötig, über Ausfälle zu informieren, echauffiert sie sich in spitz artikuliertem Hochdeutsch. Sie fixiert ihr Gegenüber und die hellen Augen verengen sich. Bei Eiseskälte ließe man die Kunden an der Haltestelle warten, fährt sie fort, da müsse man doch jemanden hinschicken, wenn schon die Anzeigetafel defekt sei! „Da ham se ja Recht“, beschwichtigt Kalle. „Sie können sich gerne beim Kundenzentrum beschweren.“. Die Frau nimmt ihre Karte entgegen, bläst pikiert Luft durch die Nase und sinkt zurück in den schmutziggrau gepolsterten Sitz.

 Die empörte Kundin ist schnell vergessen. Ganz im Gegensatz zu profilierungs-süchtigen, betrunkenen Jugendlichen und uneinsichtigen Schwarzfahrern, die leichtfertig Gewalt anwenden. Aus diesem Grund schult der KVV die Kontrolleure alle zwei Jahre im Umgang mit Extremsituationen. Neben Übungen zur „Deeskalation im Gespräch“ erhalten die derzeit 97 Männer und Frauen auch Unterricht in den Grundzügen des „Krav Maga“ – eine Nahkampftechnik, der sich auch das israelische Militär bedient. „Früher waren 36 Prozent aller Krankmeldungen auf Betriebsunfälle zurückzuführen. Heute, zwölf Jahre später, sind es ein Prozent“, äußert sich Norbert Kleinlercher, KVV-Verkehrsmeister, stolz zur Wirksamkeit der von ihm eingeführten Maßnahme.

Zwar beherrscht selbst Kalle ein wenig „Krav Maga“, im täglichen Umgang mit Kunden baut er jedoch lieber auf eine einfache Lebensweisheit. „Nit päbschdlischer sein als de Papschd“, verrät er in breitem Badisch. Schließlich legt auch er am Ende des Tages die Berufskleidung ab und stapft durch den Schneematsch zur nächsten Haltestelle, wie alle anderen. Schaut auf die Anzeigetafel, die über dem vereisten Wartehäuschen thront und immer noch auf mögliche Verzögerungen hinweist. Und wartet, wie alle anderen, auf die verspätete Bahn, die ihn nach Hause bringt.

Und natürlich muss auch er ein Fahrgeld zahlen.

Wie alle anderen.

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