Ebay zum Anfassen

 „Ebay ist nüchtern nach Rubriken aufgeteilt, der  Flohmarkt nach Lebensgeschichten“

 Ganz Deutschland ist der hektischen und unpersönlichen 3.2.1… meins! Einkaufslust verfallen und versteht unter Verhandeln eine leichte Bewegung des rechten Zeigefingers!

Ganz Deutschland? Eine nicht zu unterschätzende Anzahl an Menschen scheint hiergegen jeden Sonntag den Aufstand zu proben.

„Die Leute wollen die Dinge anfassen, mit ihren eigenen Augen sehen und die Geschichte dazu aus meinem Mund hören“, sagt Herr D., ein kleiner untersetzter Italiener ende sechzig. Mit einer Lupe, die er unter seine stark behaarten, südländischen Augenbrauen gepresst hat, begutachtet er eine goldene, mit Brillanten besetzte Schmetterlingsbrosche aus dem 19. Jahrhundert.

Schon seit Jahren hat er hier einen der 42 Stände auf dem Flohmarkt in der Renneröder Stadthalle.

Ein Schlaganfall letztes Jahr hat ihn jedoch sichtlich gezeichnet. Seine Bewegungen wirken beschwerlich und das Sprechen fällt ihm zeitweise schwer. Doch von solch einem kleinen Zwischenfall wolle er sich nicht unterkriegen lassen. „Die Märkte sind mein Leben, da bestimme ich, wann es Zeit ist zu gehen“.

Das Zusammenspiel einer alten Wanduhr mit ihrem Schlag zur vollen Stunde mit Marschmusik, die aus einem CD-Player auf der Bühne erschallt, eröffnet den Verkaufstag.

Ein paar Stände weiter hält die kleine Emily plötzlich die rechte Hand ihrer Mutter verkrampft fest und drückt ihren blonden Lockenkopf unter deren graue Stoffjacke.

Direkt neben ihr ist eine große Krippe aufgebaut, die ein beängstigendes und bizarres Bild abgibt. Neben dem Jesuskind sind die heiligen drei Könige durch sehr grimmige und so gar nicht in Weihnachtsstimmung dreinblickende Nussknacker ersetzt worden.

 

Die 80 jährige Theresia Schlimm steht an ihrem mit weißen Spitzendeckchen ausgelegten Stand, der den Eindruck vermittelt, als verkaufe sie direkt vom Wohnzimmertisch.

Gerade hat sie ihren ersten Euro eingenommen, der zur Verwunderung vieler sofort bespuckt wird. „Alter Flohmarktsbrauch“ sei dies, man müsse den ersten Taler bespucken und ehren, damit noch viele Weitere folgen.

In der Mitte des Saales beginnt ein alter Plattenspieler „Es ist ein Ros entsprungen“ zu spielen und ruft zur Besinnlichkeit dieses 3. Adventssonntags auf

„Vor 18 Jahren habe ich meinen Sohn verloren. Seitdem gehe ich regelmäßig auf Flohmärkte, um unter Leuten zu sein, die im Laufe der Zeit zu guten Freunden geworden sind. Dann muss ich nicht immer an diesen Verlust denken“, sagt sie und ihre roten Augen unter der dicken, alten Brille machen deutlich, dass sie den Tränen nah ist.

Ihr gegenüber strahlen verschiedene Buddha Figuren in einer majestätisch ruhig wirkenden Art und von einer hell erleuchteten Aura umgeben. Ihre Strahlkraft entpuppt sich bei genauerer Betrachtung jedoch als das Produkt einer dahinter aufgestellten, neongrün leuchtenden Licher Reklametafel.

 

Räucherstäbchen und zimtige Weihnachtsdüfte machen den Eingangsbereich zu einem Erlebnis für die Nase.

Hier hat Rainer Stolz seine Heiligtümer aufgestellt, er sammelt Briefmarken seit über 60 Jahren.

Der Platz ist nicht unbedarft ausgewählt, denn er sitzt auf seinem schwarzen Klappstuhl direkt am Fenster und raucht mehr Zigaretten, als er Briefmarken verkauft.

Rainer ist 72, sein noch volles graues Haar lässt ihn jedoch deutlich jünger erscheinen. Die Briefmarken sind unscheinbar hinter Glassichtfolien verdeckt, doch der Schein trügt.

Ohne großes Aufheben zeigt er zwei Briefmarken aus dem Jahre 1948, die jeweils 15000 € wert sind.

Ihm sei bewusst, dass er mit dem Verkauf von Briefmarken nicht von den Besuchern überrannt werde, doch „wem es um das schnelle Geld geht, ohne Zeit und Spaß für den Flohmarkt zu haben, der ist hier falsch. Es geht weniger ums Verkaufen als um die Atmosphäre“.

Neben ihm steht noch ein weiterer Stuhl für Besucher, mit denen er sich gerne unterhält, egal ob über Briefmarken oder andere Dinge. „Egal welchem Stand die Leute draußen angehören, hier drin sind alle gleich. Gerade das macht die Gespräche und Eindrücke auf einem Flohmarkt aus“.

Sein Hobby wurde von seinen Kindern immer belächelt, es koste viel Zeit, Geld und habe keinen Nutzen. „Doch als ich einen Teil meiner Sammlung verkaufte und beiden 100000 € für ihren Hausbau dazu steuern konnte, da erkannten sie, dass es sich doch nicht nur um brotlose Kunst handelt“, sagt er und zündet sich die nächste Selbstgedrehte an.

„Ich verkaufe nur auf dem Flohmarkt, das Internet ist nichts für mich. Ebay ist nüchtern nach Rubriken aufgeteilt, der Flohmarkt nach Lebensgeschichten“.