Aus der Reihe “Erfolgreiche Bewerbungsreportagen 2011″. Den Rechercheweg dazu findet ihr hier

Am dritten Januar ist das vorerst letzte Quartal der Wehrdienstleistenden in die Kasernen eingerückt. Matthias Gollé ist einer von ihnen. Was bringt einen jungen Mann heute noch dazu, seiner Wehrpflicht nachzukommen?

Es ist Juli 2010. Matthias Gollé ist 19 Jahre alt. Er lebt das Leben eines typischen Abiturienten. Erst die Abschlussfahrt nach Italien und dann das Wacken Open-Air, das legendäre Metal-Musik-Festival in Schleswig-Holstein. Matthias sagt: “Metal ist für mich eine Lebenseinstellung. Die Leute sind etwas besonderes, das ist wie eine Bruderschaft. Sie sehen zwar alle wild aus, aber es sind die nettesten Menschen der Welt.”

Seine G36 heißt Chantal

Sechs Monate später ist alles anders: Matthias Gollé ist 20 Jahre alt und hat gerade zwei Stunden bei Null Grad auf einem nassen Feld die verschiedenen Anschlagarten seines Gewehrs trainiert. Liegend, stehend aufgestützt, kniend freihändig. Die Ausbilder rieten den Rekruten dazu, ihren Waffen Frauennamen zu geben. Matthias’ Modell G36 heißt Chantal.

Die Kaserne Bad Reichenhall, in der Rekrut Gollé seine allgemeine Grundausbildung absolviert, liegt idyllisch im Berchtesgadener Land. Über der Kaserne, 1771 Meter hoch, thront der Hochstaufen, der, wie Presseoffizier Schulze betont, auch zu Ausbildungszwecken genutzt wird. In ein paar Stunden steht den der erste Eingewöhnungsmarsch bevor. Zehn Kilo Gepäck, elf Kilometer, drei Stunden Zeit. „Ein paar Höhenmeter sind schon auch dabei“, sagt Schulze. Dennoch ein Kinderspiel gegen einen Marsch auf den Hochstaufen in voller Montur.

Matthias’ Entscheidung für den Wehrdienst stand schon länger fest. Er führt eine Familientradition fort. Der Vater war bei der Bundeswehr im Sanitätsdienst, sein Großvater war auch bei den Gebirgsjägern – in Reichenhall, in der selben Kaserne wie jetzt der Enkel. “Natürlich gab es Diskussionen”, sagt Matthias. “Auch in der Familie. Meine Schwester kann meine Entscheidung für die Bundeswehr überhaupt nicht nachvollziehen. Auch viele Freunde haben es nicht verstanden. In meinem Abitur-Jahrgang sind es, glaube ich, nur vier von achtzig, die zum Bund gegangen sind.“

Die erste Dienstverletzung: Ein Schnitt vom Rasieren

Speziell vorbereitet hat sich Matthias nicht. „Darauf kann man sich nicht vorbereiten. Wer steht schon probeweise ein halbes Jahr lang um fünf Uhr auf?“ Zu Hause am Tegernsee hielt er sich mit Kickboxen und Karate fit. Er sieht nicht aus wie ein Kickboxer, nach dem Friseur aber auch nicht mehr wie ein Metal-Jünger, eher wie ein Mathematik-Student. Brille, kurze Haare, an seinem Kinn prangt deutlich die erste Dienstverletzung: ein Schnitt vom Rasieren. Die Bundeswehrkluft, die immer drei Nummern zu groß ausgegeben wird, lässt ihn kleiner erscheinen, als er ist. “Ich muss zugeben, ein Stück weit mache ich das schon auch fürs Ego.” Er überlegt einen Moment. Dann sagt er ernst: “Man weiß hier nicht was auf einen zukommt. Ich kann sagen: ‘Ich hab hier durchgehalten, ich war mir nicht zu fein um mich auch mal in den Dreck zu werfen.’”

Der letzte Pflichtjahrgang der Wehrdienstleistenden ist bereits nah am Freiwilligendienst. Eigentlich hätte Matthias im Juli 2010 antreten sollen. Das kollidierte mit seiner Urlaubsplanung. Durch eine „Krankheit“ konnte er die Einberufung auf diesen Januar verschieben. „Wenn ich es drauf angelegt hätte, dann wäre ich in der Nachmusterung auch als untauglich eingestuft worden.” Matthias findet die Wehrpflicht grundsätzlich gut, eine Erfahrung, zu der man die jungen Leute durchaus mit ein bisschen Druck bringen kann. Einen Zwangsdienst hält er aber für unangebracht. „Wenn jemand überhaupt keine Lust darauf hat und keine Waffen mag, dann sollte er auch nicht dienen müssen. Wenn er stattdessen in einem Altenheim den Gang putzt, dann ist das auch ok.”

“Jetzt am Ende war die Wehrpflicht irgendwie albern”

Die Abschaffung des Wehrdienstes hält er dennoch für richtig. „An sich ist die Wehrpflicht schon gut, wie gut sie zum Schluss noch war, sei mal dahingestellt. Am Ende war sie irgendwie albern, eigentlich sind wir doch alle freiwillig hier.” Fast der komplette Sport-Leistungskurs habe sich sich durch irgendwelche Wehwehchen vor dem Dienst gedrückt. Matthias ist trotzdem gekommen – als einer von 46 Rekruten in seiner Kompanie.

Mit den Anderen auf seiner Stube versteht er sich hervorragend, zwei von ihnen sind allerdings bereits wegen Knieverletzungen krankgeschrieben. Die Kameradschaft ist auch das, worauf sich Matthias hier am meisten freut. Mit Jugendlagern oder Metal-Bruderschaft lässt sich der Bund aber nicht vergleichen: „Die Bundeswehr ist eine Zwangsgemeinschaft. Wenn ich in einem Zeltlager jemanden nicht mag, dann setze ich mich eben woanders hin. Hier ist das anders, jeder ist für den Anderen mitverantwortlich.“

Was das heißt, wird er am nächsten Morgen, 4:15 Uhr, am eigenen Leib erfahren. Schuld sind ein paar Bartstoppeln. Gestern war Matthias schlecht rasiert, heute ein Stubenkollege. Muss deshalb die ganze Stube früher aufstehen? „Nicht nur die Stube, der ganze Zug steht wegen dem Kameraden fünfzehn Minuten früher auf.”

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