Ich hatte geglaubt die Bewerbung an der Deutschen Journalistenschule sei ein extrem selektiver Prozess. Aber da kannte ich die Gesetzmäßigkeiten des Münchener Immobilienmarktes schlecht. Die Odyssee begann mit einer blasierten Vermieterin mittleren Alters, die verspätet aus ihrem kastanienbraunen BMW-X5 stieg, um dem Mob sein Loch in Bahnhofsnähe zu präsentieren. Ihr Ekel vor der dreckigen Kundenschaft war ebenso offensichtlich, wie die Brandlöcher im Parkett der bedrückenden Wohnung. Die Selbstauskunft haben trotzdem alle ausgefüllt.
Ein anderer Vermieter ließ es sich nicht nehmen bei seinem möblierten Objekt alle denkbaren Funktionalitäten genauestens zu beleuchten: „Des is a Schale, da kennans eana Müsli essen, oda was anders essen. De gressane Schale is eher fia an Salat.(…) An dem Hakn kennans eana Jackn aafhenga. Oda was anders. Aber is scho eher fia Jackn“. Dabei fixierte dieser kluge Kopf einen genau mit seinen kleinen Augen und telepathierte: „Wenn du dich nicht unterwirfst und dir meine Banalitäten anhörst, bekommst du die Wohnung erst recht nicht!“

Selbsterniedrigung, nervliche Überlastung, spontaner Verlust des Lebenswillens und die Erkenntnis ein Spielball ökonomischer Übermächte zu sein, waren noch die harmlosesten Begleiterscheinungen nach einer Woche Wohnungskrieg in München. Wie ich letztendlich an mein courtagefreies 30m² Kleinod kam, weiß wohl nur der heilige Benno! Allerdings verschlingt das Schmuckstück mein Bafög monatlich mit einem Haps – und wir reden hier vom Höchstsatz! Im Flur hängt ganz klischeegerecht ein Holzkreuz, das nur mit Gewalt entfernbar wäre. Ich habe es mit einem Israelfähnchen und einer Dollarnote ausgeschmückt.

Ein Leben in München zu unterhalten ist kostspielig. Aber auch hier gibt es Normafillilalen die sechs Biokiwis für sagenhafte 1,70 verkaufen. Die Mensa ist eine staatlich genehmigte Giftmischerei und das Essen des kleinen Akademikermannes, der Döner, ist leider eine Zumutung. Wer jemals einen Döner in Kreuzberg gegessen hat muss, angesichts der Zustände hier, bei jedem Kebabhausbesuch mit den Tränen kämpfen. Manchmal träume ich von meinem Stammdönerverkäufer in Leipzig. Dann wache ich auf, schaue aus dem Fenster, sehe lauter wohlhabende Menschen die mit dem Döner hier zufrieden sind, weil sie nicht auf ihn angewiesen sind und verspüre einen tiefen seelischen Hunger.

In den Straßen sieht man nur selten Anzeichen von Armut. Die U-Bahnen sind für eine Großstadt lächerlich graffitiarm und ich habe noch nicht einen Junkybettler oder Waggonmusikanten erlebt. An einigen Haltestellen läuft in der Nacht klassische Musik. Jemand hat mir erklärt, dass man mit dieser Dauerbeschallung die Obdachlosen vertreibt. Das hätte sich Schubert wohl auch nicht träumen lassen, dass die Unvollendete einmal als akustische Pennerpeitsche dienen würde.

Ich kann nicht gerade behaupten, dass München mich mit offenen Armen empfangen hätte. Wohl eher mit offen zur Schau gestelltem Desinteresse. Egal ob nervenaufreibende Wohnungssuche, ausgebuchtes Oktoberfest, oder ausverkauftes Bayern-Fußballspiel. Die Botschaft die mir die sogenannte Weltstadt mit Herz stets vermittelte hieß: Wenn du hier keine Beziehungen hast und dein Portmonee nicht an Übergewicht leidet, dann komm besser nicht her! Inzwischen lebe ich seit über drei Monaten in der Bayerischen Landeshauptstadt mit Galle. Bis jetzt habe ich keine Frequenzen eines stadtspezifischen Lebensgefühls empfangen. Ich kann die Identität dieser Stadt einfach nicht erkennen. Wenn man durch Berlin läuft wird man dreckig. Wenn man durch München läuft, läuft man durch München.

Meine emotionale Beziehung zu dieser Stadt lässt sich am trefflichsten als gefühlsfreie Hassliebe deklinieren. Ich hasse sie, weil ich es nicht schaffe sie zu lieben und sie mir auch keine triftigen Gründe gibt sie zu hassen – was ich aber gern tun würde . Gleichzeitig beginne ich sie zu lieben, weil München ein ziemlich friedlicher, entspannter und ansehnlicher Teil des Universums ist. Klar, vor allem die Friedlichkeit ist mit einer hassenswerten Normiertheit, Versnobtheit und Berechenbarkeit erkauft. Aber wer hat behauptet eine gefühlsfreie Hassliebe hätte keine inneren Widersprüche?

(Bild via “Digital Cat“)

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