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Henri-Nannen-Preis 2012: Der Sieger steht fast fest

Wenn am 11. Mai 2012 in Hamburg der Henri Nannen Preis verliehen wird, geht ein langwieriger Auswahlprozess zu Ende. Um die besten Print-Beiträge des vergangenen Jahres zu küren, bräuchte es gar nicht so viel Aufwand. Der Versuch einer statistischen Prognose.

22 gestandene Redakteure und die Klassen von sieben Journalistenschulen kämpfen sich gerade durch viele hundert Reportagen, Dokumentationen und Essays. Sie bilden die Vorjury für den Henri Nannen Preis 2012. Auch 45 Schüler der Deutschen Journalistenschule (DJS) beteiligen sich an der Auswahl für die Shortlist, auf der die 100 besten Beiträge landen. Aus ihnen filtert die Hauptjury anschließend jeweils drei Nominierte für jede der fünf Wettbewerbs-Kategorien und erst am Abend vor der Preisverleihung werden die Gewinner gewählt. Ein Bewertungsmarathon, den man sich sparen könnte, würde man auf die Kraft der Daten vertrauen. Statistisch gesehen steht nämlich bereits weitgehend fest, wer am 11. Mai einen bronzenen „Henri“ in die Hände gedrückt bekommt.

Vor der Auswertung der Daten müssen allerdings noch einige Vorannahmen gemacht werden, denn, so knallhart Statistik auch ist, vieles bleibt Ansichtssache. Die Rechnerei wird schon dadurch erschwert, dass der Henri Nannen Preis nicht immer Henri Nannen Preis hieß. Obwohl vom stern-Gründer 1977 ins Leben gerufen, war er bis 2004 noch nach dem rasenden Reporter Egon Erwin Kisch benannt. Die Umwidmung ging einher mit einer Kategorienexpansion. Nicht mehr nur die drei besten Reportagen des Vorjahres werden seitdem ausgezeichnet, sondern auch die beste investigative Leistung, besonders verständliche Berichterstattung, das beste humoristische Werk sowie die beste Foto-Reportage. Zudem gibt es eine Trophäe für Pressefreiheit, eine für das Lebenswerk von jemanden, der es verdient hat und einen Sonderpreis für Journalisten, die in keiner anderen Kategorie gewonnen haben. Die Datenlage ist also verwirrend und breit. Deswegen liegt der Fokus dieser Auswertung ausschließlich auf der Königsdisziplin Reportage, deren Auszeichnung in Fachkreisen weiterhin als Kisch-Preis firmiert. Seit 2005 gibt es in dieser Kategorie allerdings keinen ersten, zweiten und dritten Platz mehr, sondern lediglich zwei Nominierte, wobei sich nur einer letztlich Kisch-Preisträger nennen darf. Diese Neuregelung wird im Folgenden im Sinne der Statistik ignoriert. Immerhin ist eine Nominierung nicht weniger wert als ein Silber- oder Bronzerang vor 2005.

Die Gesamtzahl der bisherigen Kisch/Nannen-Preisträger/Platzierten/Nominierten seit 1977 beläuft sich auf 103. Um herauszufinden, wer 2012 dazu kommt, haben wir diese erlesene Gruppe Journalisten einer datenjournalistischen Analyse unterzogen. Ausgewertet wurden: 1. die jeweiligen Medien, 2. Demografie und schließlich 3. die Ausbildungsinstitute.

1. Das Medium

Abbildung 1 (eigene Darstellung)

Als 2005 der Egon Erwin Kisch Preis umbenannt und exponentiell erweitert wurde, hieß es offiziell, man wolle damit der journalistischen Vielfalt besser gerecht werden. Insgeheim wird jedoch gemunkelt, dass BILD, FOCUS, WELT und Co. einfach auch mal auf das Treppchen wollten. In den Olymp der Reportagespezailisten gelangten bis dato nämlich immer wieder die gleichen Publikationen. Daran hat sich in der Königsdisziplin allerdings auch nach der Kategorienexpansion nichts geändert. Der vorherige Trend setzte sich fort und so vereinen die ersten fünf Print-Medien in der Bestenliste drei Viertel der Preise auf sich (Abbildung 1). Angeführt wird die Rangliste vom SPIEGEL, aus dessen Reihen 24 Kisch-Preisträger kommen. Darunter waren acht erste Plätze für Journalisten des Hamburger Nachrichtenmagazins. Einen Gold-Rang weniger, jedoch insgesamt „nur“ 18 Auszeichnungen, hat die ZEIT bis 2011 geholt. Es folgt das erste Print-Medium, das nicht an der Elbe gefertigt wird. Die Süddeutsche Zeitung hat bisher 16 Auszeichnungen (5 Mal erster Platz) eingeheimst. Dann kommen mit GEO (14 Auszeichnungen, vier erste Plätze) und stern (7 Auszeichnungen, 2 erste Plätze) wieder Hamburger Publikationen. Erst auf Platz sechs und sieben wird diese Nord-Süd-Phalanx durchbrochen. Aus der Mitte Deutschlands (na fast) kommen Frankfurter Allgemeine Zeitung und Frankfurter Rundschau (die wurde damals noch komplett in Frankfurt hergestellt) mit fünf beziehungsweise drei Preisen. Alles in allem konnten insgesamt überhaupt nur 18 Publikationen einen Preis im Bereich Reportage ergattern. Viele Magazine und vor allem das Heer von Regional- und Lokalzeitungen gehen, wenn man die ambitionierten Hauptstadtblätter Berliner Zeitung und Tagesspiegel ausklammert, komplett leer aus. Der genaue Grund dafür ist schwer zu finden. Vielleicht sitzen die besten Journalisten nur in den Redaktionen der hochdekorierten Zeitschriften oder diese Zeitschriften sind die einzigen, die sich in der Königsdisziplin engagieren. Reportagen sind nämlich nicht überall en vogue. Besonders deutlich wird das an der ZEIT, die bis Mitte der 90er Jahre gerade mal zwei Kisch-Preise bekommen hatte. Unter Theo Sommer beschäftigte man sich damals lieber mit Leitartikeln, Dossiers und Analysen. Erst als er abdankte, schoss die Wochenzeitung mit ihren Reportagen durch die Decke (Abbildung 2).

Abbildung 2 (eigene Darstellung)

2. Demografische Daten

Journalistinnen verlieren und das eindeutig. Von den 103 Preisträgern sind 83 Männer, nur knapp ein Fünftel also Frauen. Bei den ersten Plätzen holten sie erst nach der Umbenennung 2005 auf (drei Gewinnerinnen bei sieben Vergaben). Bei den 27 Verleihungen zuvor war lediglich eine Frau ganz oben auf dem Treppchen (Birgit Lahann, stern, 1989). Auf der ewigen Bestenliste findet sich unter den Top-6 demnach auch nur eine Frau: Sabine Rückert von der ZEIT. Die Rangliste führt unangefochten Alexander Osang (SPIEGEL, Berliner Zeitung) an. Zwischen 1993 und 2010 schafft er es zwei Mal auf den ersten und einmal auf den zweiten Platz. Außerdem wurde er seit 2005 drei Mal nominiert. Diese Ausnahmestellung veranlasste bereits zu Spekulationen über eine erneute Umbenennung des Henri Nannen Preises in Alexander Osang-Preis. Dazu kam es bis jetzt allerdings noch nicht. Nach Osang folgt der „Club der 3“. Alexander Smoltczyk (GEO, Wochenpost, SPIEGEL), Peter Sartorius (SZ, gleichzeitig erster Preisträger), Sabine Rückert (ZEIT), Stefan Willeke (ZEIT) und Ullrich Fichtner (FR, ZEIT, SPIEGEL) haben jeweils drei Preise/Nominierungen. Würde man eine Score-Wertung einführen (siehe Tabelle 3), dann müsste man in das Ranking noch Dirk Kurbjuweit (ZEIT, SPIEGEL) aufnehmen, der zwar „nur“ zweimal ausgezeichnet wurde, jeweils aber den ersten Rang belegte.

Abbildung 3 (eigene Darstellung)

Durchschnittlich ist ein Kisch-Preisträger 42 Jahre alt, wobei die Spanne von 28 Jahren (Tempo-Gründer Markus Peichl 1985) bis 64 Jahren (SPIEGEL-Reporter Andre Batrak 2006) reicht (Abbildung 4). Die meisten Preisträger waren 35 Jahre alt und Journalisten ab 50 bekommen nur noch selten einen Kisch-Preis, was womöglich daran liegt, dass sich die älteren Semester bereits in die oberen Etagen der Zeitungen und Zeitschriften verabschiedet haben und fortan nur noch schreiben lassen. Die größte Spanne zwischen zwei Auszeichnungen schaffte Jürgen Leinemann, der 1982 den ersten Platz belegte und 2008 noch einmal nominiert wurde. 2009 bekam er dann auch gleich den Preis für sein Lebenswerk.

Abbildung 4 (eigene Darstellung)

3. Die Ausbildung der Preisträger

Wer hätte es anders erwartet: Die Deutsche Journalistenschule liegt vorn. Besonders in den letzten Jahren konnte sich die DJS von der Henri-Nannen-Schule, die onomatopoetisch eigentlich besser zum Preis passt, absetzen. Von 2009 bis 2011 wurden fünf Absolventen aus München, hingegen aber nur zwei aus Hamburg nominiert. So steht es insgesamt 12:10 für die Deutsche Journalistenschule, die in ihrer Geschichte allerdings auch zwei, drei Journalisten mehr ausbildete. Bei den ersten Plätzen hat wiederum die HNS mit vier Auszeichnungen die Nase vorn. Die DJS holt jedoch auf und erzielte im letzten Jahr für einige Stunden sogar den Anschlusstreffer zum 3:4. Als dann jedoch klar wurde, dass Rene Pfister (34 B) doch nicht an Horst Seehofers Stellpult gespielt hat und die knallharte Jury um Helmut Markwort diese Ungeheuerlichkeit nicht durchgehen ließ, stand es wieder 2:4 für Nannen.

Insgesamt ist die Ausbildungskategorie jedoch von der Datenlage her am schwammigsten, weil bei sechs Preisträgern nicht herauszufinden war, was sie und wo sie in ihrem frühere Leben mal gelernt haben. Das betrifft im Wesentlichen die Reportagespezialisten der Anfangsjahre, über die im Internet kaum etwas zu finden ist (allerdings gab es das Web zu deren Zeit ja auch noch nicht und Selbstvermarktung war damals noch nicht so angesagt). Der erste Erstplatzierte Peter Sartorius zum Beispiel ist ein Journalismus-Urgestein, doch was er studiert hat oder wo er ausgebildet wurde, ist online nicht herauszufinden. Nur ein beherzter Griff ins Bücherregal half und siehe da, er hat ein Volontariat beim Schwarzwälder Boten gemacht.

In der Liste der hochdekorierten Ausbildungsinstitutionen taucht die Zeitung vom Neckar trotzdem nicht auf. Nach den beiden Journalistenschulen aus Hamburg und München folgt die Universität in Leipzig mit acht Preisen/Nominierungen, was sie aber ausschließlich Alexander Osang und Birk Meinhardt (1. Platz 1999 und 2. Platz 2001) zu verdanken hat. Ähnlich sieht es bei der Axel-Springer-Akademie aus, die von Sabine Rückert und Lorenz Wagner (nominiert 2009) profitiert.

Abbildung 5 (eigene Darstellung)

Quereinsteiger gibt es unter den Reportagespezialisten nur wenige. Marie-Luise Scherer ist eine solche Rarität. Auch ohne Abitur belegte sie 1977 und 1979 zwei zweite Plätze. In der jüngeren Vergangenheit sind Preisträger ohne höhere oder explizit journalistische Ausbildung noch seltener geworden. Am ehesten könnte man Benjamin von Stuckrath-Barre (Nominierung 2006) mit seinem abgebrochenen Germanistik-Studium in die Kategorie Quereinsteiger packen. Auffällig ist außerdem, dass Naturwissenschaftler fast keine Chance haben einen Kisch-Preis zu bekommen. Lediglich der studierte Biologe und Physiker Jürgen Neffe erreichte 1991 mit einer GEO-Reportage einen dritten Platz.

Das Ergebnis

Auf Grund der erhobenen Daten lässt sich nun problemlos eine Prognose für 2012 abgeben. Der Gewinner heißt wahrscheinlich Alexander Osang. Und wenn er es nicht wird, dann ist der Preisträger 42 Jahre alt, ein Mann und hat an der Deutschen Jouralistenschule in München sein Handwerk gelernt. Außerdem hat er seine Reportage für den Spiegel verfasst. Da die Einsendungen noch geheim sind, ist eine Namensnennung erst möglich, wenn die Shortlist veröffentlicht wurde. Nur so viel vorab: Es sind passende Kandidaten im Rennen.

Wer jetzt noch nicht genug von Statistik hat, kann sich die ganzen Daten online anschauen.

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